VON UNTEN – Der Blog

Hallo, Grüß Euch und Hallihallo
Liebe Leser*innen, Hörer*innen und Interessierte

Von Unten - Der Blog - LogoDie Redaktion begrüßt Euch auf dem offiziellen Blog zur Radiosendung VON UNTEN. Hier findet Ihr begleitende Beiträge zu aktuellen und vergangenen Sendungen. Weiterhin gibt es eigenständige Artikel zu den Themenkomplexen Politik, Aktivismus und Kultur – meist mit Fokus auf Graz und Österreich, dabei aber auch mit einem Blick auf globales Geschehen.

Wir sind mit Euch auf der Straße

VON UNTEN bietet einen wichtigen Beitrag zur Meinungsvielfalt. Unsere Redakteur*innen führen Interviews mit Menschen, die im Mainstream oft keine Plattform haben, begleiten verschiedenste soziale Bewegungen und bündeln all diese Erfahrungen, Eindrücke und Informationen in spannenden Hörfunk- und Blogbeiträgen. VON UNTEN – Der Blog weiterlesen

Antifaschistischer Stadtrundgang durch Graz

Der antifaschistische Stadtrundgang zog Anfang des Jahres zahlreiche Interessierte an. Dabei stellte die Historikerin und Rechtsextremismus-Expertin Ines Aftenberger Orte vor, die zum rechten politischen Spektrum zählen. Sie sollen aufzeigen, an welchen Orten hier in Graz faschistisches Gedankengut verbreitet und gefördert wird.

Akademische Burschenschaft Allemannia

Akademische Burschenschaft Allemania

Burschenschaften dienten in der historischen Entwicklung immer als Kaderschmieden für den legalen und illegalen Rechtsextremismus, darunter auch für terroristische Strömungen im Neonazismus. Die Allemannia hat ihren Sitz gleich vor der Tür der KF Universität Graz, ist frei von den üblichen Skandalen, kommt kaum in Verruf und findet wenig mediale Beachtung. Dennoch zählt auch sie zum rechtsextremen Spektrum. 1874 gegründet und 1933 das Führerprinzip angenommen, schildert sie ihre eigene Geschichte so: „Die Allemania wurde in ihrer wechselhaften Geschichte von allen Regierungen und Machthabern wiederholt verboten, aufgelöst und enteignet.“ Diese Aussagen haben jedoch eine eigenartige Bedeutung, weil sie in den 30er-Jahren – wie die meisten Burschenschaften – Teil der illegalen nationalsozialistischen Bewegung war. Nach dem Anschluss wurden sie dafür entsprechend gewürdigt, wie das zum Beispiel 1938 geschah, als der Rektor der Universität Wien erklärte: „Der große Verdienst der deutsch eingestellten studentischen Korporationen Österreichs besteht darin, dass sie sich in der Zeit des Kampfes restlos in den illegalen politischen Aufbau eingefügt haben“. Die behördliche Auflösung im Jahr 1934 erfolgte deshalb, weil die Allemannia Teil des illegalen nationalsozialistischen Bewegung war. 1938 wurde sie aufgelöst, begrüßte aber diesen Umstand nur allzu sehr, da sie ja ab diesen Zeitpunkt in die NS-Kameradschaften und Altherrenbünde eingebunden wurde. Es war also eine freiwillige Selbstauflösung: „Der heiligste Traum unserer Jugend ist heute durch die kühne Befreiungstat unseres großen Führers erfüllt und wenn wir nun die Farben, die wir ein Leben lang in Ehren gehalten haben niederlegen, so tun wir es in dem Bewusstsein, dass auch sie ihren Sinn im großen Kampf um das deutsche Schicksal getan haben. Dass wir in diesen Kampf auf vorgeschobenen Posten gestanden sind und dass wir nun im Gefühl der erfüllten Pflicht abtreten dürfen um an einer neuen Entwicklung bedingungslos und vorbehaltlos mit unseren besten Kräften mitzuwirken.“ Ein Verbot kann das kaum genannt werden.

Als Kameradschaft Noreia existierte die Allemannia im nationalsozialistischen Studentenbund weiter und hat sich nach 1945 wieder gegründet, wo sie auch ihr Haus zurück erhielt. Seit 1954 nennt sich die Verbindung nun “Allemannia” und zählt zum extrem rechten Eck. Als Teil des Dachverbands Deutscher Burschenschaften und des Dachverbands Burschenschaftlicher Gemeinschaft verbreitet sie sexistische und rassistische Gedanken.

Aula Verlag
Der Verlagsstandort der Aula gehört eher nicht zu den repräsentativen Vorzeigeorten der rechten Szene. Ganz unscheinbar befindet  sich dieser in der Merangasse 13 und publiziert neben Büchern auch monatlich die rechtsextreme Zeitung “Die Aula”, die geschichtsrevisionistische Aussagen verbreitet. Medieninhaber sind die der FPÖ nahestehenden Freiheitlichen Akademikerverbände (FAV) Österreichs. Eigentümer, Herausgeber und Verleger ist der Aula-Verlag. Seit Anfang 2004 ist Martin Pfeiffer Chefredakteur. Besonders 1995 fiel die Monatsschrift auf, weil der Artikel „Naturgesetze gelten für Nazis und Antifaschisten“ des damaligen Chefredakteurs Herwig Nachtmann den Holocaust-Leugner Walter Lüftl lobte undsomit gegen das NS-Verbotsgesetz wiederstieß und rechtskräftig verurteilt wurde. FPÖ-Politiker nutzen die Zeitung auch als Plattform und publizieren regelmäßig. Ansonsten kommen die Autoren aus dem burschenschaftlichen rechtsextreme Milieu und schreiben dort offen rassistische, geschichtsrevisionistische und antisemitische Beträge, die gegen die Demokratie und die Menschenrechte polemisieren.

Aula Verlag
Aula Verlag

Daneben betreibt der Aula Verlag auch noch einen Buchdienst und unterstützte in den letzten Jahren auch den Akademikerball.

Im Juni 2015 stellte die KFU die Aula für den großen Festkommers „200 Jahre deutsche Burschenschaft“, der von der ARGE Grazer Burschenschaften (dazu gehören u.a. Arminia, Frankonia, Allemannia, Mitglieder des Dachverbands Deutscher Burschenschaften) ausgerichtet wurde, zur Verfügung. Die Festrede hielt der Germania-Burschenschafter Axel Kassegger, der zugleich auch Vorstandsmitglied der Freiheitlichen Akademikerverbände ist. Um den Protesten dagegen zu entgehen, wurde diese Veranstaltung nicht öffentlich bekannt gegeben.

Akademische Burschenschaft Marko-Germania
In der Beethovenstraße 15 befindet sich die Germania. Sie diente als Schnittstelle zwischen FPÖ und Neonaziszene:

FPÖ-Klubobmann Armin Sippl ist ebenso Mitglied der Germania wie auch Stefan Juritz, der früher Ring Freiheitlicher Jugend-Bezirksobmann von Deutschlandsberg war, beispielsweise die Abschaffung des Verbotsgesetzes gefordert und in eine Gruppe steirischer Neonazis integriert war. Inzwischen ist Stefan Juritz Teil der Identitären und engagiertsich gegen Flüchtlinge. Ein weiterer langjähriger Akteur in der rechtsextremen und neonazistischen Szene, Richard Pfingstl, wurde aus der Germania ausgeschlossen. Bis 2009 war er Vorstandsmitglied des RFJ und 2012 wurdeerwegen Wiederbetätigung zu 12 Monaten auf Bewährung und wegen Körperverletzung zu drei Jahren unbedingter Haft verurteilt. Er hatte sich an einer brutalen Prügelei im Zeppelin beteiligt, einem Lokal im Univiertel, wo er gemeinsam mit weiteren steirischen Neonazis, Hooligans sowie einem RFJler und Burschenschafter eine Geburtstagsrunde angriff.

Akademische Burschenschaft Marko-Germania
Akademische Burschenschaft Marko-Germania

Außerdem wurde er verdächtigt, für Beiträge der neonazistischen Webseite Alpen-Donau.info verantwortlich zu sein, bisher hat es aber gegen die mutmaßlichen steirischen Betreiber der Homepage keine Anklage gegeben.

Akademische Sängerschaft Gothia
Ganz anders als die Germania und die Allemannia tarnt sich die Gothia in der Leonhardstraße 27 als heimatverbundene Sängerschaft, die sogar auch Frauen mitsingen lässt. Als Mitglieder sind trotzdem nur Männer zugelassen. Sie ist deshalb in dieser Szene so wichtig, weil sie über einen großen Veranstaltungssaal verfügt und so wichtige Infrastruktur zur Verfügung stellen kann. Dies nutzte Susanne Winter 2007 gemeinsam mit der FPÖ für ihre Hetzgeschichten “gegen die Islamisierung Europas”. Die Gothia kann also nicht als unpolitischer Gesangsverein gesehen werden, ganz besonders nicht, wenn man weiß, dass sie Mitveranstalter des Grazer Akademikerballs 2015 war.

Akademische Sängerschaft Gothia
Akademische Sängerschaft Gothia

Wichtiges Mitglied in Reinhold Reimann, der auch beim Alpenländischen Kulturverband Südmark aktiv ist, eine Organisation, die sich an der Grenze zwischen rechtskonservativ und rechtsextrem bewegt. Die Südmark pflegt eine enge Zusammenarbeit mit der Österreichischen Landsmannschaft, die vom DÖW zur Gänze als rechtsextrem eingestuft wird. Vortragende wie Richard Melisch und Walter Marinovic, die auch für die Aula Beiträge verfassen, wurden von der Südmark eingeladen.

Akademische Burschenschaft Arminia
Die Arminia liegt in der Sparbersbachgasse 51 und ist einer der aktivsten Burschenschaften von Graz. Sie hat sich 2015 an den Mobilisierungen gegen Flüchtlinge in Spielfeld und in Graz beteiligt. Ein prominentes Mitglied der Arminia war Ernst Kaltenbrunner, einer der 24 Personen, die im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher angeklagt und schuldig gesprochen wurde. Die Arminia hielt ihm auch nach 1945 die Treue.

Leopold Stocker Verlag
Dieser Verlag spielt nicht nur in Österreich, sondern auch in Deutschland für die rechtsextreme Szeneeine große Rolle. Wenn man sich die Schaufenster ansieht, dann lassen sich nicht gleich rechtsextreme Publikationen finden, denn der Verlag achtet darauf, welches Bild er nach außen transportiert. Mit den Büchern zum Thema Landwirtschaft und Kochen macht er nämlich sein Geschäft und kann so andere Literatur mitfinanzieren.

Auch der Namensgeber des Verlags steht für die Ausrichtung des Verlags: Leopold Stocker gründete den Verlag 1917 und war zuerst überzeugter illegaler Nationalsozialist und Antisemit, wovon sich der Verlag nie distanzierte. Im Gegenteil: Der Verlag bekräftigt immer wieder das Erbe des Namensgebers. Nach dem Anschluss war Stocker für die Arisierung des Buchhandels in der Steiermark verantwortlich.

Quelle: http://www.stocker-verlag.com/der-verlag/der-verlag-die-geschichte.html
Quelle: http://www.stocker-verlag.com/der-verlag/der-verlag-die-geschichte.html

Während die eher harmloseren Kochbücher im Stocker Verlag erscheinen, werden politische und historische Texte mit dem 2005 gegründeten Ares Verlag veröffentlicht. Bei beiden Verlagsgruppen ist aber der Burschenschafter Wolfgang Dvorak-Stocker Verleger und Geschäftsführer.

Daneben gibt der Verlag noch die zwei Zeitungen “Sezession” (hauptsächlich in Deutschland, wichtig für die Identitären) und die “Neue Ordnung” heraus und finanziert die Homepage unzensuriert.at mit.

VON UNTEN war beim Spaziergang dabei und hat folgenden Beitrag gestaltet:

Interview mit dem Gefangenengewerkschafter Georg Huss

Insgesamt sieben Jahre seines Lebens verbrachte Huss im Gefängnis. Zuletzt wurde er wegen Cannabisanbau in Österreich verurteilt und baute mit 2 weiteren Häftlingen die Sektion Österreich der deutschen Gefangenen-Gewerkschaft/Bundesweite Organisation (GG/BO) Ende letzten Jahres mit auf. Hier ist ein Interview, das Mitte März mit ihm geführt wurde. Es ist stark gekürzt und teilweise sinngemäß bearbeitet. 
 1280px-Karlau_DSCN7269
Warum hast du mit deinen Kollegen in derJustizantsalt Graz Karlau eine Gefangenengewerkschaft gegründet?„Gewerkschaft“ ist ein unglücklicher Name, obwohl er auch wieder sehr gut passt. Gewerkschaften kümmern sich um alle Belange ihrer Mitglieder, nicht nur um die Arbeit. In der Sektion Österreich geht es deshalb vor allem um die Gefangenenrechte.
Wir sind mit den Missständen und Gesetzesbrüchen seitens der Justiz nicht einvertsanden. Uns werden ganz normale Rechte, minimale Rechte wie Toilettartikel, ärztliche Versorgung oder Dolmetscher für die Ausländer verwehrt. Das sind Rechte, die jedem Bürger zustehen. Auf die Gesetze, d.h. wie die Anstalt mit uns umgeht, wird wenig geachtet. Deshalb haben wir, wie wir von den Bestrebungen in Deutschland gehört haben, zeitgleich eine Gefangenengewerkschaft gegründet. Wir beziehen uns nicht nur auf das Arbeitsrecht, sondern allgemein auf die Gefangenenrechte, und schauen, dass das eingehalten wird.Das heißt die Forderungen beziehen sich auf die allgemeinen Lebensbedingungen?

Ja, wir wollen, dass unsere Rechte nicht nur anerkannt werden, sondern sie auch gewährt bekommen. Es kann nicht sein, dass man in einer Sechs-Mann-Zelle gesperrt wird, die viel zu klein, zu dreckig ist und ich eigentlich Recht auf eine Einzel- bzw. Doppelzelle habe. Ich will da keine Ausreden hören. Die Justiz soll sich an die Gesetze halten! Deshalb sind das ja eigentlich keine Forderungen. Die Polizisten, die JVA-Beamten, die Richter sollen auch ihre Gesetze einhalten und achten statt selbstherrlich mit Bestechung, Rummogeln und Haftschleicherei zu agieren.

Auch bei der Entlasseng wirst du nicht resozialisiert, sondern arbeitslos, mittellos und obdachlos sein. Mit diesen Ansichten bin ich nicht allein.Wie sind die Arbeitsbedingungen?

Wir sind auf Abruf und der Willkühr der Beamten ausgesetzt. Teilweise ist gar nichts zu tun, da haben aber Beamte ihren Job rechtfertigen müssen und wir haben beispielsweise in St. Pölten tagelang die Tischlerwerkstatt rausgekehrt und täglich  feucht gewischt.

Wenn aber wiederum ein wichtiger Auftrag kam und kein Beamter da war, dann war der Auftrag auf einmal auch nicht mehr wichtig. Arbeiten ist sozusagen nur ein Alibi. Man hat dann auch nur für die gearbeiteten Tage Lohn bekommen. Teilweise wird man sehr ausgenutzt, die Gesundheits- oder Hygienebedigungen werden auch nicht immer eingehalten. Da werden Sachen abgeschliffen ohne Schutzmaske, Schutzkappen fehlen bei Maschinen und Strom liegt offen. In Haft ist vieles desolat, vor allem in den alten Anstalten wie der Karlau. Da wird scheinbar kein Geld sinnvoll investiert. 
Uns wird auch seit Jahren die Toilettartikel wie Zahnpasta, Toilettenpapier, Duschgel verwehrt für die wir teilweise sogar durch unsere Arbeit selbst bezahlen. Wir bekommen das einfach nicht, obwohl uns das zusteht. Das sollen wir durch unseren Hungerlohn selbst bezahlen. Auch wenn man einen Antrag schreibt, hat man da jeden Monat andere Regeln. Da kommt dann ein Beamter und schaut in deinem Schrank nach, ob du wirklich keines hast und du sowas brauchst. Dafür muss man rumstreiten und rumprozessieren. Schlussendlich muss man sich das dann unter der Hand besorgen.
Zwischen 70 und 130 Euro haben wir zur Verfügung zum Einkaufen für beispielsweise Tabak, Zucker oder Kaffee, was recht wenig ist. Die andere Hälfte wird für dich als Rücklage gespart und bei der Entlassung für den Neustart ins Leben ausgezahlt. Das ist wirklich nicht viel und ist wirklich nur dazu da, dass du nicht ganz ohne Geld auf der Straße dastehst. Gleichzeitig verdient die Anstalt mit unserer Arbeit.Du hast jetzt Arbeitsbedingungen, Hygiene, Unterkunft angesprochen. Wie ist das mit der ärtzlichen Versorgung?

Das kann ich nicht pauschalisieren. Ganz wichtig ist aber die Leute drogensüchtig mit Benzos, Schlaf- oder Beruhigungstabletten… zu machen. Die Leute sollen Ruhe geben, sodass nichts passiert. Wenn jemand größere Probleme, beispielsweise mit dem Herz, hat und zum CT muss, dann sträuben sie sich und machen keine Termine aus. Dann muss man ans Ministerium schreiben usw. Das sind alles Kosten und da versucht die Anstalt zu sparen, wo es nur geht.Du hast auch Widerstand geleistet und gegen die Bedingungen protestiert…

Ja, ich habe das gemacht, weil mir Korrespondenzen verboten wurden. Ich durfte nicht anrufen, Briefe wurden zurück gehalten oder später abgeschickt. Mir wurde quasi meine Sprache genommen, weil das für sie gefährlich ist. Ich sollte die Leute draußen nicht über die Bedingungen informieren. Medien sollten nicht berichten. Jeder Gefangene der aufmüpfig für seine Rechte kämpft, muss Repressionen erdulden. Durch die Gewerkschaft ist das schlimmer geworden. Zum Schluss hab’ ich kaum mehr Post bekommen, wir durften einander nicht mehr sehen und ich kam in den „Bunker“ oder in die Gummizelle, einmal sogar ohne ärztliche Anweisung.

Als ich mir den Mund zugenäht hab, kam ich in die Gummizelle zur Beobachtung, weil ich mir was antun wolle, danach in die Psychiatrie, wo ich für gesund gehalten wurde. Dann kam ich nach Wien, quasi eine kleine Rundreise durch Österreich, und wieder zurück in eine Vier-Mann-Zelle. Da wollte ich nicht bleiben und so landete ich drei Tage lang nackt – mit so einem Arztleiberl – in der leeren Gummizelle. Dort bekam ich nicht mal genug Tee, durfte nicht duschen und ich wusste nicht mal wie lange das noch dauern würde.Gab es von den anderen Gefangenen Solidarität für deinen Protest?

Ja. Anfänglich war ich allein und viele haben gesagt, das bringt eh nix, du machst nur Wirbel und alles für uns schlechter – bis die Leute verstanden haben, was ich da überhaupt mache. Mir ist es egal obs mir schlechter geht. Mir ist wichtig, dass die Ausländer einen Dolmetscher haben und, dass uns unsere Rechte gewährt werden. Die Gefangenen wollen ja teilweise auch einfach nur ein zu Hause, das ich nicht in Frage stellen soll – noch dazu als Piefke. Viele Gefangene identifizieren sich so mit der Haft, dass sie gar nicht wollen, dass etwas aufgedeckt oder geändert wird. Da würde man ja verzweifeln.

Aber dann bekam ich recht viel Support. Wie diejenigen gemerkt haben, die drinnen was zu sagen hatten, was wir da machen, bekamen wir viel Support. Auch weil wir so einen guten Draht nach draußen hatten, haben uns viele Mitgefangene unterstützt.Du bist jetzt entlassen worden. Kam das für dich unerwartet?

Ja. Es war eine Überraschung, weil es von heute auf morgen aufkam. Es wurde gedrängt, dass ich den Antrag ausfülle und in zwei Wochen konnte ich schon weg. Ich konnte nur ganz sporadisch nach draußen telefonieren. Wie sollte ich da mein Leben organisieren?

1280px-Karlau_DSCN7250

Wird die Gefangenengewerkschaft durch deine Entlassung, durch Maßnahmenvollzug und Verlegung behindert bzw. Repressionen ausgesetzt? Siehst du das so?
Auch wenn Leute entlassen werden wird die Gefangenengewerkschaft sich weiter organisieren. Ich sehe das so, dass wenn einer verlegt wird, er dann im neuen Gefängnis weiter organisieren kann. Ich, wo ich jetzt draußen bin, kann draußen die Netzwerke festigen und sagen, was wir in der Haft brauchen und wie es dort ist. Die wenigsten Helfer draußen haben Hafterfahrung. Also zuerst schaut es ganz schlimm aus, aber wenn man genauer hinschaut, sieht man die Möglichkeiten.Die Justiz hat ja wahrscheinlich nicht so weit gedacht.

Die wollen ja Ruhe schaffen, Störenfriede loswerden und uns mundtot machen. Wir bauen aber gerade internationale Netzwerke auf.Hier die Gesamtsendung vom 30.3. mit einem aktuellen Beitrag zur Gefangenengewerkschaft:

Update zur Gefangenengewerkschaft in Österreich

Georg Huss, einer jener Männer, die die Gefangenengewerkschaft vorantrieb, wurde nun Anfang März entlassen. Nach etwas mehr als der Hälfte seiner Haftstrafe kam dieser Schritt überraschend. Er wurde nach Deutschland entlassen und mit einem zehnjährigen Aufenthaltsverbot für Österreich belegt. Der Kampf gegen das unmenschliche System bleibt.

CIMG5373
Quelle: VON UNTEN Redaktion

„Die österreichische Justiz will offensichtlich über diesen Hebel den Aufbau der Gefangenengewerkschaft in Austria blockieren,“ so die Gefangenengewerkschaft in ihrer Aussendung. Für Nicht-ÖsterreicherInnen gibt es die Möglichkeit nach der Hälfte der verbüßten Strafe eine Freilassung zu beantragen, gleichzeitig wird ein Aufenthaltsverbot für Österreich verhängt. Huss wird dadurch der Zugang nach Österreich verwehrt. Er will dagegen klagen, weil er zwar im Besitz eines deutschen Passes ist, es aber schon 20 Jahre her ist, dass er in Deutschland lebte: „Ich bin hier in einem fremden Land sozusagen.“

Zuletzt landete Georg Huss im Gefängnis Graz-Karlau, der drittgrößten Haftanstalt Österreichs mit über 500 Inhaftierten. Dort begegnete er anderen Insassen, die sich, wie er selbst, gegen die Arbeits- und Haftbedingungen wehrten: „Beschwerden schreiben, Anzeigen schreiben, teilweise bis zum europäischen Gerichtshof. Wir haben uns dort zufällig getroffen und begonnen uns zu koordinieren, auch um Beschwerden und Anträge für Mitgefangene zu schreiben.“ Schließlich war Huss einer jener Männer, die Ende letzten Jahres eine österreichische Sektion der Gefangenengewerkschaft gegründet hat. Er wehrte sich mit drastischen Aktionen aus dem Gefängnis: „Im Jänner habe ich mir den Mund zugenäht und zu zweit haben wir einen Hungerstreik begonnen.“

Auch außerhalb des Gefängnisses will sich Georg Huss nun weiterhin einsetzen. Aktuell ist einer seiner vormals Mit-Inhaftierten im Hungerstreik. Der Gewerkschafter Oliver Riepan verweigert mittlerweile seit 10. Januar 2016 konsequent in der Haftanstalt Graz-Karlau die Nahrungsaufnahme. Dabei verlohr er bereits 20 Kilogramm Gewicht. Die Gefangenengewerkschaft kündigt ihren Support an: „Es muss in den kommenden Wochen darum gehen, das Schweigen zu durchbrechen und eine Unterstützungskampagne für den Kollegen Riepan zu lancieren…“

Bisher wurden die Gefangenenproteste weitgehend von der Öffentlichkeit ignoriert. Nur wenige Medien berichten abseits des Spektakels. Es geht nun darum, das Schweigen zu durchbrechen und unsere Unterstützung lautstark zu machen!

________

Weiterführende Informationen / Quellen:

 

Natur ist Kultur

Kommentar von Miriam Laurin VON UNTEN-Redaktion
21.03.2016

Global 2000 verklagt Monsanto, die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Endlich eine Organisation die versucht das unglaubliche Treiben von Monsanto zu beenden. Durch meinen Beitrag über das Saatgutfest  habe ich mich näher mit dem Thema auseinandergesetzt und möchte meine Gedanken diesbezüglich mit euch teilen.

Bis jetzt Frage ich mich, warum schaut jeder zu? Ich kenne wenig Menschen, die der Meinung sind Monsanto und Glyphosat sind positive Entwicklungen. Warum kann so ein Konzern so ausufernde Auswirkungen auf unsere gesamte Gesellschaft haben, ist Kapitalismus das einzige was zählt? Mir scheint, wir Menschen haben verlernt in Synergie mit unserer lebensnotwendigen Natur zu leben. Nachhaltigkeit ist etwas, das in unserem westlichen Konzept nicht vorrangig ist und oft nur dann in den Fokus tritt, wenn es um Imagegewinn oder Ressourcenknappheit geht, auf gut Deutsch „Geld“. Das Kernproblem liegt für mich darin, dass wir Menschen selbst uns nicht als Natur sehen. Es heißt Natur oder Kultur, nicht Kultur ist Natur. Nach der jüdisch-christlichen Tradition hat Gott die Menschen erschaffen und Gott wird nicht als Natur angesehen, Gott ist in unseren Augen übernatürlich. Somit sind wir Menschen schon in unserer Kernauffassung, lebend in einer dominant christlichen „westlichen“ Welt, mehr Wert als unsere Natur. Und schon in der Bezeichnung „unsere“ Natur, spiegelt sich so vieles wieder. Viele indigene Völker – zum Beispiel die Menschen der Kaitiakitanga aus Neuseeland – haben für soziale Beziehungen ähnliche Regeln wie für ihre Beziehung mit der Natur. Ich borge mir etwas und gebe dir das gleiche oder etwas Besseres als Dank zurück. Sie sehen sich als Teil der Welt und nicht als deren CEOs. Man kann Pflanzen nicht patentieren. Man kann der Natur nicht ihre Existenzberechtigung nehmen. Solche absurden Ideen können einfach nur in einer Gesellschaft heranwachsen, die ausschließlich darauf gedrillt ist mehr, mehr und noch mehr Geld zu machen.

Schwendermarkt_graffiti_Monsanto

Was ich nicht verstehe: Sind diese Menschen wirklich zu dämlich, um zu sehen, dass alles womit sie Geld machen der Natur entspringt? Nestlé und Wasser, Shell und Erdöl, H&M und Baumwolle – ich denke es ist klar worauf ich hinaus möchte. Es gibt keinen Profit ohne Natur und man kann nicht aus 100 Liter Wasser 150 machen. Natur ist nicht endlos. Das einzige das uns bleibt, um Profit zu machen, ist die Zerstörung des Ursprünglichen, um an dessen Stelle etwas von Menschenhand geschaffenes „Besseres“ zu verkaufen. Das tut Monsanto und schafft sich so einen Markt – frei nach dem Motto „Natur 2.0“. Ja, wir Menschen sind natürlich genial. Und in 100 Jahren fragt sich der geniale Mensch, was eigentlich Polkappen waren. Die brauchen wir ja nicht, wie so vieles andere.

red /Miriam Laurin

Gibt es jetzt eine Gefangenengewerkschaft in Österreich?

Insassen in der Justizanstalt Graz Karlau haben – nach deutschem Vorbild – Ende letzten Jahres mit dem Aufbau einer Gefangenengewerkschaft begonnen. Das Justizministerium gibt jetzt aber bekannt, dass sie dafür keine gesetzliche Grundlage sehen. Von gewerkschaftlicher Seite läßt man sich nicht unterkriegen und argumentiert mit den österreichischen Grundrechten.  CIMG5371Justizanstalt Graz-Karlau, Quelle: Von Unten-Redaktion

Die Sektion Österreich der deutschen Gefangenen-Gewerkschaft/Bundesweite Organisation (GG/BO) macht sich für eine Auszahlung des Mindestlohns, eine Einzahlung in Vorsorgekassen für die Pension und die Aufhebung der Arbeitspflicht stark – alles Sachen, die den Gefangenen bisher nicht zustehen. Es geht also darum, sich gegen dieses “staatlich geförderte Lohndumping” zu stellen, so der Sprecher der GG/BO, Oliver Rast. Er ist einer der GG/BO-Gründer, die im Mai 2014 in der JVA Tegel in Berlin gestartet ist. Seit dem Ende seiner Haftzeit ist Rast Sprecher der Gewerkschaft.

Hier erklärt er, wie es zur Gründung in Deutschland gekommen war. Auch Marlies sprach bereits für VON UNTEN mit Oliver Rast:

Deutsche Kritik an Rentenversicherung. Ähnliche Situation in Österreich.
Der durch die fehlende Rentenversicherung entstehende Schaden für die Gefangenen kommt einer Doppelbestrafung gleich. So werden sie nach Absitzen der Haftstrafe durch verminderte oder fehlende Rentenansprüche noch einmal sanktioniert und schlimmstenfalls faktisch zur Altersarmut verurteilt«, erklärt Oliver Rast gegenüber »neues deutschland” (Online-Abo Zugang). Schon seit 40 Jahren wird diese Problematik im deutschen Nachbarland diskutiert und immer wieder aufgerollt. Die Forderung nach einer Rentenversicherung für ehemalige Strafgefangene ist daher nicht neu. Ein Beitrag des Journalisten Peter Nowak vom Juni 2015 dazu beschreibt bisherige Diskussionen.

Auch in Österreich sehen sich die ehemaligen Strafgefangenen mit ähnlichen Situationen konfrontiert: Nach ihrer Entlassung sind diese armutsgefährdet, was ihre allseits geforderte Resozialisierung erheblich erschwert. Josef Stingl, Bundesvorsitzender des Gewerkschaftlichen Linksblock (GLB) im ÖGB, sagt dazu: “Ich halte es für sozial grob fahrlässig, dass das Pensionsrecht bei Strafgefangenen nicht berücksichtigt wird.” Im Gegensatz dazu beruft sich das Justizministerium durch Britta Tichy-Martin auf bisherige rechtliche Entscheidungsfindungen und sagt, dass der EGMR zur Pensionsvericherung im Jahre 2011 mit Urteil festgestellt habe, dass Österreich durch die Nichteinbeziehung von Strafgefangenen in das System der staatlichen Pensionsversicherung den in diesem Bereich bestehenden Ermessensspielraum nicht überschritten habe. Es liege daher keine Verletzung des Diskriminierungsverbotes in Bezug auf das Eigentumsrecht ( Art. 14 EMRK iVm Art.1 des I. ZPEMRK) vor. Weiters stellte der Gerichtshof fest, dass auch keine Verletzung des Verbots der Zwangsarbeit (Art. 4 EMRK) vorliege. Kein Grund für das Justizministerium, sich aufzuregen.

CIMG5372Justizanstalt Graz-Karlau, Quelle: Von Unten-Redaktion

Unverschämte Entlohnung bei Arbeitszwang.
Insassen im Strafvollzug haben Arbeitspflicht. “Die Beschäftigung von Insassen ist ein wichtiger Teil der Resozialisierung. Insassen sollen dabei auch Fähigkeiten und Abläufe erlernen, die sie für ein Leben nach der Haft wieder fit machen”, so das Justizministerium. In Österreichs Gefängnissen verdient man je nach Tätigkeit vier bis sechs Euro pro Stunde wovon jedoch 75 Prozent für die “Unterbringung” abgezogen werden. Somit bleibt kaum ein Euro Stundenlohn übrig. Sämtliche Modalitäten der Arbeitserbringung (Arbeitspflicht, Arbeitsbeschaffung, Arbeitszuweisung, Berufsausbildung, Arbeitseinrichtungen, Arbeitszeit und Arbeitsleistung, Arbeitsertrag und Arbeitsvergütung, Höhe der Arbeitsvergütung) ebenso wie etwa auch die Unfallfürsorge sind gesetzlich geregelt (Siehe dazu §§ 44 bis 55 und 76 und 77 StVG (Strafvollzugsgesetz). Laut Tichy-Martin sei eine Gewerkschaft zwar eine Vereinigung zur Vertretung der Interessen von Arbeitnehmer/innen. Im Falle der Gefangenen sei dieses “klassische Dienstnehmer-Dienstgeber-Verhältnis jedoch nicht gegeben”.

Justizministerium: “Grundlage für gewerkschaftliches Handeln fehlt”
Das Justizministerium sieht also keinen Verhandlungsspielraum im Bereich dieser gewerkschaftlichen Forderungen. Allfällige Änderungen wären immer nur über eine Gesetzesänderungen möglich. Es bestehe daher keine Grundlage für ein gewerkschaftliches Handeln, was jedoch seitens GG/BO anders gesehen wird: “Diese Stellungnahme (Anm.: seitens des Justizministeriums) bedeutet kein Ende der GG/BO in Österreich, da man sich lediglich auf das Österreichische Strafvollzugsgesetz bezieht. Dass darin eine Organisierung von Inhaftierten nicht vorgesehen ist, überrascht kaum.” Für die GG/BO bzw. eine gewerkschaftspolitische Organisierung (in der Haft) seien in erster Linie Paragraphen des Verfassungsrechts und des europäischen Rechts entscheidend. Hierauf berufe sie sich, analog zu Deutschland.

Marlies hat folgenden Beitrag für Von Unten” gestaltet:

Weitere Links zum Thema:

Kommentar zum Repaircafe und geplanter Obsoleszenz und Postwachstumsökonomie

Seit 2013 findet in der Steiermark regelmäßig das Repair-Cafe statt. Vor sechs Jahren führte Frau Martine Postma das erste Repair-Cafe in Amsterdam durch. Dann kam die Idee ins Wachsen und wuchs und wuchs. Heute gibt es Repair-Cafes in China, Japan, Australien.

Martine Postma, Quelle: repaircafe.org

Über 13500 Produkte weltweit konnten repariert und somit vor dem Wegwerfen gerettet werden und manches Geldstück brauchte nicht für neue Produkte ausgegeben werden. Eines freilich ist unabdingbar für das Reparieren von Produkten: Sie müssen reparierbar erzeugt werden. Viele Produkte werden gerne so produziert, dass sie erstens kaum mehr reparierbar sind und zweitens schnell kaputt werden. Warum ist das so? Weil zumindest in der westlichen Welt die meisten Menschen mit dem allernötigsten ausgestattet sind, und die Leute keinen zweiten Kühlschrank oder vierten Fernseher brauchen. Damit aber unser Wirtschafts- und angebliches Wohlstandssystem weiter existieren kann, muss – auf Teufel komm raus – konsumiert werden. Denn sonst würde unsere Wirtschaft nicht wachsen. Es muss immer weiter konsumiert werden und es muss immer mehr Geld in Umlauf gebracht werden. Nur so funktioniert unser Wirtschaften und nur so kann unser Lebensstandard aufrecht gehalten werden. Zumindest wird uns dies seit einigen Jahrzehnten erfolgreich eingeredet. Innerhalb dieser Mentalität ist das Repaircafe ein erfolgreicher Stolperstein.

Was ist, wenn immer mehr Menschen das Repair-Cafe aufsuchen und dieses eine selbstverständliche Einrichtung in jedem Dorf wird? Wenn viele Menschen reparierbare und langlebige Gegenstände vorziehen und die produzierende Wirtschaft doch darauf einsteigt? Wenn weniger produziert wird, wird weniger CO² in die Luft geblasen. Das hält den Klimawandel hintan. Soweit logisch. Uns wird seit Jahren eingeredet (leider mit Erfolg), dass wir Wirtschaftswachstum brauchen, um den Wohlstand und die sozialen Sicherungssysteme zu halten. Davon mal abgesehen, dass diese Probleme mit einer gewissen Kreativität lösbar sein müssen, darf ich anmerken, dass unser Wohlstandsystem schon mehr als eine Erde verbraucht (ökologischer Fußabdruck). Wenn wir so weitermachen, haben zwar einige Generationen (materiellen) Wohlstand, aber was dann, ab dem Jahre 2100?

2016: Das Repair-Cafe erfährt immer mehr Zuspruch und Interesse. Das allein wird nicht die Welt retten, ein Baustein für alternative wirtschaftliche Strukturen kann es aber sein. Übt also bitte Druck auf diverse Firmen und Konzerne aus, reparierbare Produkte zu erzeugen!

Die VON UNTEN Redaktion hat mit dem Initiator vom Repair-Cafe Graz, Andreas Höfler, gesprochen. Hier das Interview:

 

 

 

 

GESCHLOSSENE SYSTEME

Text: Evelyn Schalk, Fotos: Andreas Brandstätter

zwischen stacheln und zäunen sichern wir unsere freiheit. wir nehmen in kauf was wir kriegen können und lassen bezahlen mit den leben, die auf der strecke bleiben – oder auf der route, der balkan route, der übers mittelmeer, auf jeder, die zu oft im nirgendwo endet. doch noch davor markieren und verwehren drahtgeflechte die grenzen zum überleben.

österreich baut: 3,7 kilometer maschen werden nicht gestrickt, sondern zwei meter hoch aufgezogen in spielfeld. dahinter liegen stacheldrahtrollen in militärcontainern bereit – sollte es zu einer notsituation kommen, wie rot und schwarz nun in trauter einigkeit drohen.


OLYMPUS DIGITAL CAMERA

aber: WESSEN NOT?

eine notsituation (oder akutsituation) sei dann gegeben, wenn hunderte Menschen gemeinsam versuchen sollten, die Zäune zu überwinden.
die notlage besteht also darin, dass zu viele menschen, die nicht zuletzt aufgrund solcher zäune viel zu lange unter völlig unzumutbaren bedingungen unterwegs, auf der flucht sind und nun die angst, die kälte, den hunger, den dreck, die enge, die befehle, die dunkelheit, die schmerzen und vor allem das warten nicht mehr aushalten. dass sie nichts wollen, als endlich irgendwo anzukommen, wo sie hoffen, eine nacht in ruhe, in wärme und zumindest ohne angst um ihr leben verbringen zu können.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

also noch einmal:WESSEN NOT?

nicht die von hunderttausenden (und weltweit mehr als 65 millionen, mehr als je zuvor) geflüchteten interessiert die österreichische innenpolitik. sie ist eben aus und schließlich auf inneres gerichtet – und davon gilt es alle auszuschließen, die kosten verursachen. also lässt man sie draußen übernachten und beschränkt die verpflegung auf ein kaltes minimum.
der zaun wird zehn bis zwölf millionen euro kosten. die hat man, ohne mit der abgewandten wimper zu zucken. geht sicher als wirtschaftsförderung durch, wie gesagt, österreich baut. das tripleA will ja verteidigt werden, im passenden notfall (wenn also zu viele in not sind und zu fall gebracht werden müssen) mit stacheldraht und binnen 48 stunden.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

das findet spielfelds schwarzer bürgermeister „perfekt“, vor allem weil die Absperrung den touristisch sensiblen Bereich gar nicht berührt.
am besten funktioniert sowas mit maschendrahtzaun des „G7-Modells“. was die vertreter der reichsten schützt, ist für österreich grade gut genug. ihre zäune werden zum modell, durch dessen maschen nur sie selbst schlüpfen. für bzw. gegen alle anderen liegen die stacheldrahtrollen bereit, mit rasiermesserscharfen stahldornen bewehrte „NATO-Zäune“. jahrelang ausschließlich militärisch im einsatz, richtet man nun kriegsmaterial gegen kriegsflüchtlinge.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
aber es geht schließlich um die sicherheit.
die eigene. und nur die.
für die sicherheit, den unterschied aufrecht zu erhalten, den eigenen status exklusiv zu gewährleisten und ihn mit aller gewalt zu behaupten – jene gewalt, mit der man die kriege führt, vor denen die menschen fliehen. es ist dieselbe gewalt, die die sicherheit der einen gegen jene der anderen stellt und damit die von allen aufs spiel setzt. doch es geht nie um alle. nur verluste des eigenen machen betroffen. der zaun schließt sich.

 


Der Kommentar ist im November 2015 im Radio Helsinki Programmfalter Ausgabe Winter 2015/2016 erschienen.

Evelyn Schalk und Andreas Brandstätter waren für ausreißer – Die Wandzeitung im Herbst in Spielfeld und haben diese Reportage verfasst: warten auf ein leben. Eine Reportage aus dem momentan größten temporären Flüchtlingscamp Österreichs

ausreißer – Die Wandzeitung #67 zum Thema „REFUGEES WELCOME!“ ist vor kurzem erschienen.

 

 

 

Die Ge”MEIN-WOHL”bank

Ende 2015 / Anfang 2016 soll mit sechs Millionen Euro der Banklizensierungsprozess der Bank für Gemeinwohl  bei der österreichischen Finanzmarktaufsicht (FMA) beginnen. Danach wird weiter Genossenschaftskapital eingeworben. Ende 2016 / Anfang 2017 soll dann auch die eigentliche Bank ihre Geschäftstätigkeit eröffnen. Jetzt startet die Steiermarkkampagne und lädt neue Genossenschafter*innen ein ihr Geld anzulegen. Josef Zotter bewirbt sie als prominenter Unterstützer.

Quelle: Bank für Gemeinwohl
Quelle: Bank für Gemeinwohl

Geld steht klar im Vordergrund, wenn man sich das Wirtschaften von Banken und unser derzeitiges Leben anschaut. Auch die Bank für Gemeinwohl will das nicht ändern. Sie ist ein Versuch “eine Bank (zu gründen), die dem Menschen dient und nicht umgekehrt”. Dabei soll sie als “gesellschaftspolitische Akteurin” agieren und wird somit quasi als revolutionärer Systemwandel gepriesen. Wir müssen nichts an unserer derzeitigen Lebensweise ändern und retten gleichzeitig die Welt, denn das Geld macht das ja für uns  oder?

Was hier fehlt ist eine generelle Kapitalismuskritik. Nur durch reformistische Ansätze innerhalb des Bankenwesens werden wesentliche Abgründe unserer Gesellschaft nicht überwunden. Es gibt keine Bank, die dem Menschen dient, wenn sie mit Geld wirtschaftet und sich in unser kapitalistisches System so nahtlos einfügen lässt.

Text zur weiteren Lektüre: John Holloway’s “Aufhören, den Kapitalismus zu machen”

Die Entwicklungen des Kapitals finden in fortgeschritteneren und weniger fortgeschritteneren Situationen statt. In manchen Teilen der Welt wird Menschen mehr Ausbeutung aufgelastet, in anderen Teilen profitieren Menschen davon. Und auch innerhalb der profitierenden Gegenden gibt es “Verlierer*innen” des Systems. Letztlich wird ein Ausschluss konstruiert, der sich in der Realität von immer mehr Menschen zeigt: Einer, der Menschen nie bessere Lebensbedingungen erreichen lässt. Das wurde durch Kolonialismus begründet und wird in der wirtschaftlichen Ausbeutung und der politischen Unterdrückung von Menschen fortgeführt.
Der Besitz vom “privaten Gut” fußt also auf einer Ungerechtigkeit die keinerlei Schutz oder Wahrung bedarf. Wenn wir für eine gleichberechtigte Welt kämpfen, dann sollten wir lieber “alles für alle” fordern – und das auch nicht innerhalb von Staatsgrenzen, wie es die Vorstellung / der Wunsch nach “öffentlichem Gut” erzeugt. Durch das Bankensystem – egal nun welche Ausformungen – wird Privatbesitz gesichert. Viele Menschen haben das nicht. Daher geraten sie u.a. auch in die Schuldenfalle.

Exkurs zum Thema Schulden und Menschen, die sich gegen das Schuldensystem wehren.

Meiner Meinung ist es illusorisch an die guten Seiten des Geldes zu glauben. Geld ist und bleibt scheiße. Mehr Geld führt nie zu mehr Gemeinwohl und Lebensqualität, sondern nur zu mehr Gier und Elend. Wer Geld zur rettende Entität erklärt, ist auf dem Holzweg. Solidarität und der gemeinsame Kampf für eine andere Gesellschaft wird nicht durch ein alternatives Bankensystem erreicht, sondern wird (schon jetzt) außerhalb dieser Logik gelebt und umgesetzt.

Weitere Beiträge zum Thema Gemeinwohlbank der Von Unten Redaktion:

 

“In memoriam Pier Paolo Pasolini” – Zum 40. Todestag

Am Freitag, den 30.10.2015, fand im kunstGarten in Graz eine Filmvorführung zur Erinnerung an Pier Paolo Pasolini statt.

Der kunstGarten fördert, archiviert und produziert zeitgenössische Kunst und verbindet sie mit Wissenschaft und der Natur. Irmi Horn ist Leiterin und Geschäftsführerin des kunstGarten, in dem alle Sparten der zeitgenössischen Kunst Gehör finden. Das Wohnzimmer und der Lebensraum von Frau Horn werden zur Kunstausstellung. Frau Horn versucht ebenfalls, neue Zugänge zur Kunst zu schaffen. Sie bietet Zugang zu Musik, Theater, Literatur, Film und der bildenden Kunst. Die ausgesuchten Filme sind meistens Filme, die das Leben, Beziehungen und Notzustände untersuchen, aber auch ganze Völker untersuchen, Kriegsursachen aufbereiten, und das Ganze in Spielfilmqualität, wobei jedoch auch immer wieder Dokumentarfilme Platz finden.

„In erster Linie geht es um Spielfilme von ausgezeichneten Regisseurinnen und Regisseuren, die das Geschichtsskelett mit Fleisch füllen und den Menschen Einsichten vermitteln.“, so Irmi Horn.

Co Lisa Jauk

Kunst ist ein Medium, wie die Natur-um die Mitwelt und Umwelt zu verstehen!-Irmi Horn

Irmi Horn ist 1945 geboren und kennt das Umfeld, in welchem sich der kunstGarten befindet. Sie ist in dieser Gegend und in dem Haus ihrer Großmutter, welches heute den kunstGarten darstellt, aufgewachsen und lebte bis zu ihrem 12. Lebensjahr in dieser Umgebung. Frau Horn hat Germanistik und Geschichte studiert und war lange Zeit als Lehrerin tätig. Ferner ist sie immer im Kulturbetrieb tätig gewesen, daher ist es ihr umso wichtiger, Kultur weiterzugeben.

Irmi Horn
Co Lisa Jauk

Kunst ist ein Lebensmittel!-Irmi Horn

Pier Paolo Pasolini, geboren am 5. März 1922 in Bologna, war ein italienischer Filmregisseur, Dichter und Publizist. Er wuchs in Bologna auf, wurde jedoch sehr von seinen Großeltern und der Umgebung, in der sie lebten, geprägt. Seine Großeltern lebten im ländlichen Städtchen Casarsa della Delizia. Das ländliche Städtchen war eine große Inspiration für seine späteren Werke. Im Alter von 7 Jahren begannen seine schriftstellerischen Bemühungen, daraus entstand ein Lyrikbuch in friaulischer Sprache. In den 1960er Jahren entdeckte Pasolini das Medium Film und setzte sich kritisch mit den Missständen der italienischen Gesellschaft im autoritären System sowie mit zwischenmenschlichen Beziehungen auseinander. Die Charaktere in seinen Filmen sind meist von der Gesellschaft ausgegrenzt. Das Besondere an Pasolinis Filmen ist, dass er durch die Verwendung von Laiendarstellern aus dem Original-Milieu den Film in einer lebendigen und realen Darbietung erscheinen lässt.

https://www.google.at/search?q=pasolini&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0CAcQ_AUoAWoVChMI2Y2f6f7uyAIVQ20UCh0zYwhZ&biw=1600&bih=760#tbm=isch&q=pier+paolo+pasolini&imgrc=rucsHZuGn32HAM%3A
https://www.google.at/?gws_rd=ssl

In der Nacht von Allerheiligen auf Allerseelen im Jahre 1975 wurde Pasolini ermordet. Sein plötzlicher Tod birgt bis in die Gegenwart Rätsel auf, da es widersprüchliche Aussagen seitens der Verdächtigen gibt. Pasolini war vor seinem Tode mit einer journalistischen Arbeit über die Verwicklungen des italienischen Geheimdienstes in schwere terroristische Anschläge in Italien zum Zwecke der Stärkung des Sicherheitsapparates beschäftigt und äußerte seine Vermutungen auch öffentlich. Dies könnte ein möglicher Grund für seinen Tod sein.

Im ZimmerKino des kunstGarten wurde anlässlich seines 40. Todestages der Film „Der Schweinestall“ von Pasolini aus dem Jahre 1969 gezeigt. Er handelt von einem jungen Einsiedler in einer vulkanischen Wüste, welcher zum Anführer einer Kannibalenhorde wird. Der Sohn eines deutschen Großindustriellen der Nachkriegszeit hegt seine Liebe zu Schweinen, was zum Anlass der Erpressung zwischen dem Vater und einem Korrupten, welcher ein ehemaliger Naziverbrecher ist, wird. Der Schweinestall stellt dabei die Gesellschaft dar und all jene, welche nicht gehorsam sind, werden gefressen.

Co Lisa Jauk

Pasolini vermittelt mit diesem Film seine Enttäuschung über die Gesellschaftsformen, prägend für “Der Schweinestall” waren der Marxismus, das Christentum und die Verbrechen des Dritten Reiches. Es ist ein Pamphlet über die Situation der italienischen Nachkriegszeit.

kunstGarten
Co Lisa Jauk
kunstGarten
Co Lisa Jauk
kunstGarten
Co Lisa Jauk
kunstGarten
Co Lisa Jauk