GESCHLOSSENE SYSTEME

Text: Evelyn Schalk, Fotos: Andreas Brandstätter

zwischen stacheln und zäunen sichern wir unsere freiheit. wir nehmen in kauf was wir kriegen können und lassen bezahlen mit den leben, die auf der strecke bleiben – oder auf der route, der balkan route, der übers mittelmeer, auf jeder, die zu oft im nirgendwo endet. doch noch davor markieren und verwehren drahtgeflechte die grenzen zum überleben.

österreich baut: 3,7 kiloOLYMPUS DIGITAL CAMERAmeter maschen werden nicht gestrickt, sondern zwei meter hoch aufgezogen in spielfeld. dahinter liegen stacheldrahtrollen in militärcontainern bereit – sollte es zu einer notsituation kommen, wie rot und schwarz nun in trauter einigkeit drohen.


aber: WESSEN NOT?

eine notsituation (oder akutsituation) sei dann gegeben, wenn hunderte Menschen gemeinsam versuchen sollten, die Zäune zu überwinden.
die notlage besteht also darin, dass zu viele menschen, die nicht zuletzt aufgrund solcher zäune viel zu lange unter völlig unzumutbaren bedingungen unterwegs, auf der flucht sind und nun die angst, die kälte, den hunger, den dreck, die enge, die befehle, die dunkelheit, die schmerzen und vor allem das warten nicht mehr aushalten. dass sie nichts wollen, als endlich irgendwo anzukommen, wo sie hoffen, eine nacht in ruhe, in wärme und zumindest ohne angst um ihr leben verbringen zu können.

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also noch einmal:WESSEN NOT?

nicht die von hunderttausenden (und weltweit mehr als 65 millionen, mehr als je zuvor) geflüchteten interessiert die österreichische innenpolitik. sie ist eben aus und schließlich auf inneres gerichtet – und davon gilt es alle auszuschließen, die kosten verursachen. also lässt man sie draußen übernachten und beschränkt die verpflegung auf ein kaltes minimum.
der zaun wird zehn bis zwölf millionen euro kosten. die hat man, ohne mit der abgewandten wimper zu zucken. geht sicher als wirtschaftsförderung durch, wie gesagt, österreich baut. das tripleA will ja verteidigt werden, im passenden notfall (wenn also zu viele in not sind und zu fall gebracht werden müssen) mit stacheldraht und binnen 48 stunden.

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das findet spielfelds schwarzer bürgermeister „perfekt“, vor allem weil die Absperrung den touristisch sensiblen Bereich gar nicht berührt.
am besten funktioniert sowas mit maschendrahtzaun des „G7-Modells“. was die vertreter der reichsten schützt, ist für österreich grade gut genug. ihre zäune werden zum modell, durch dessen maschen nur sie selbst schlüpfen. für bzw. gegen alle anderen liegen die stacheldrahtrollen bereit, mit rasiermesserscharfen stahldornen bewehrte „NATO-Zäune“. jahrelang ausschließlich militärisch im einsatz, richtet man nun kriegsmaterial gegen kriegsflüchtlinge.

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aber es geht schließlich um die sicherheit.
die eigene. und nur die.
für die sicherheit, den unterschied aufrecht zu erhalten, den eigenen status exklusiv zu gewährleisten und ihn mit aller gewalt zu behaupten – jene gewalt, mit der man die kriege führt, vor denen die menschen fliehen. es ist dieselbe gewalt, die die sicherheit der einen gegen jene der anderen stellt und damit die von allen aufs spiel setzt. doch es geht nie um alle. nur verluste des eigenen machen betroffen. der zaun schließt sich.

 


Der Kommentar ist im November 2015 im Radio Helsinki Programmfalter Ausgabe Winter 2015/2016 erschienen.

Evelyn Schalk und Andreas Brandstätter waren für ausreißer – Die Wandzeitung im Herbst in Spielfeld und haben diese Reportage verfasst: warten auf ein leben. Eine Reportage aus dem momentan größten temporären Flüchtlingscamp Österreichs

ausreißer – Die Wandzeitung #67 zum Thema „REFUGEES WELCOME!“ ist vor kurzem erschienen.

 

 

 

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